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Steppenwolf

>>Wenn ich eine Weile ohne Lust und ohne Schmerz war und die laue fade Erträglichkeit sogenannter guter Tage geatment habe, dann wird mir in meiner kindischen Seele so windig weh und elend, daß ich die verrostete Dankbarkeitleier dem schläfrigen Zufriedenheitsgott ins zufriedenes Gesicht schmeiße und lieber einen recht teuflischen Schmerz in mir brennen fühle als diese bekömmliche Zimmertemperatur.

Es brennt alsdann eine wilde Begierde nach starken Gefühlen, nach Sensationen, eine Wut auf dieses abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben und eine rasende Lust irgend etwas kaputtzuschlagen, etwa ein Warenhaus oder eine Kathedrale oder mich selbst, verwegene Dummheiten zu begehen, ein paar verehrten Götzen die Perücken abzureißen, ein paar rebellischen Schulbuben mit der ersehnten Fahrkarte nach Hamburg auszurüsten, [...] oder einigen Vertretern der bürgerlichen Weltordnung das Gesicht ins Genick zu drehen.

Denn dies haßte, verabscheute und verfluchte ich von allem doch am innigsten: diese Zufriedenheit, diese Gesundheit, Behagenheit, diesen gepflegten Optimismus des Bürgers, diese fette gedeihliche Zucht des Mittelmäßigen, Normalen, Durchschnittlichen.<<


Hermann Hesse - Der Steppenwolf(Suhrkamp, ISBN:3-518-41690-1)

1 Kommentar 19.6.09 05:41, kommentieren